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Waltraud Neuwirth

FÄLSCHUNGEN VON WIENER PORZELLAN

Die Auflösung der seit 1718 bestehenden Wiener Porzellanmanufaktur wurde 1864 beschlossen. Nach diesem Jahr nahmen die Fälschungen und Verfälschungen des Wiener Bindenschilds dramatisch zu. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Zahl der Porzellane mit der gefälschten Wiener Marke jene der echten bei weitem übersteigt. Der Bindenschild war bei Fälschern außerordentlich beliebt, und zwar mehr noch als die Meißener Schwerter und die Sèvres-Marke, die ebenfalls häufig imitiert wurden. Der Grund dafür ist einfach: Die Manufakturen in Meißen und Sèvres bestanden weiter (und bestehen nach wie vor) und wehrten sich so gut wie möglich gegen den Mißbrauch ihrer Marken, wenn sie ihn auch nicht völlig verhindern konnten. In Wien hingegen war die Sachlage anders und nicht unkompliziert, da viele die Wiener Marke als "frei" ansahen – bezeichnete sich beispielsweise das Wiener "Artist. Atelier für Porzellanmalerei" Rädler & Pilz sogar als "Alleinige Besitzer der Alt-Wiener k. k Porzellan-Fabriks-Marke". Einen "Bienenkorb, kobaltblau, unter der Glasur" ließ Samuel Fischer von der Porzellanfabrik in Herend, registrieren. Und der Vorwand, einen Bienenkorb und nicht den Bindenschild als Marke zu verwenden, wurde gerne als Schutz vor Fälschungsverdächtigungen vorgebracht.

Die Ausstellung "Wiener Porzellan – echt oder gefälscht" im Jahre 1976 im Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien widmete sich ganz diesem speziellen Thema und war so erfolgreich, daß Seminare und Vorlesungen dazu abgehalten wurden. Schließlich konnte ich nach mehrjähriger Arbeit eine umfangreiche Publikation vorlegen: Wiener Porzellan, Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung (1979). Darin waren eigene Kapitel dem "Bindenschild als Marke der Wiener Porzellanmanufaktur 1744-1864" (S. 60), dem "Bindenschild nach 1864" (S. 62), dem "Bindenschild als Bestandteil einer späteren Marke" (S. 66) und den sogenannten "verwechslungsfähigen fremden Typen" (S. 67) gewidmet. Wer sich genauer informieren will, sollte diese Kapitel meiner Publikation nachlesen – sie ist zwar vergriffen, in den Bibliotheken von Kunstgewerbemuseen und anderen Fachbibliotheken, manchmal auch im Antiquariat bzw. im Internet zu finden.

Fälschungen und Verfälschungen von Wiener Porzellan sind gut zu erkennen, wenn man sich an folgende Erkenntnisse hält (ich greife hier auf meine Publikation von 1979 und vor allem auf den 1982 erschienenen Köpenicker Katalog zurück, in dem ich die relevanten Hinweise noch erweitern konnte); dabei habe ich nur geringfügige Veränderungen bzw. Ergänzungen vorgenommen, da meine damaligen Feststellungen offenbar nichts an Gültigkeit verloren haben. Größere Anschaulichkeit als die unten angeführten Punkte bieten natürlich Bilder, wie sie in meiner Publikation "Wiener Porzellan, Original, Kopie, Verfälschung, Fälschung" zu finden sind. Auf dieser Website werde ich daher in Zukunft dem Thema Fälschung / Verfälschung das eine oder andere Porzellan-Monatsobjekt widmen.

Zwei Webseiten habe ich der bekannten Pariser Firma Samson gewidmet,
die den gefälschten Bindenschild häufig verwendete:
SAMSON THE IMITATOR, DIE MARKEN (klicken Sie HIER)
DAS KAPITEL ÜBER DIE FIRMA SAMSON IN MEINER PUBLIKATION VON 1979
(klicken Sie HIER)

Samson Paris

Eine eigene, umfangreiche Publikation habe ich über die Fälschungen
der Pariser Firma Samson herausgegeben
(klicken Sie auf das Bild oben oder HIER!)

Vase, Fälschung     Tasse, Fälschung    Vase mit gefälschtem Bindenschild    Tasse Fälschung    Vase Fälschung

Zum besseren Verständnis habe ich einige Monatsobjekte den Fälschungen gewidmet, weitere folgen!
(obige Bilder anklicken!)

Viele der Porzellane mit gefälschtem Bindenschild und Abziehbilddekor sowie einer charakteristischen Farbigkeit stammen aus der Altrohlauer Porzellanfabrik "Victoria", die 1883 gegründet wurde.

Bindenschild Fälschung    Marke Altrohlau "Victoria"

Links: der in Altrohlau gefälschte Bindenschild, rechts die tatsächliche Fabriksmarke
der Alrohlauer Fabrik VICTORIA. Wenn Sie die Marken anklicken, erfahren Sie mehr darüber!

Sehr häufig erreichen mich Fragen zu dieser Marke:

Bienenkorb, Schlegelmilch / Suhl

es ist der sogenannte "Bienenkorb" der Porzellanfabrik Schlegelmilch in Suhl (Schlesien)
und zählt zu den sogenannten "verwechslungsfähigen fremden Typen"
(d. h. die kopierte Marke wird geringfügig abgeändert – hier wird der Wiener Bindenschild
auf den Kopf gestellt und mit einem Punkt versehen).
Beispiele zu dieser Marke finden Sie HIER und DA.

Oft erreichen mich auch Anfragen zu folgender Marke:

Marke Wächtersbach

Dies ist eine Marke der Wächtersbacher Steingutfabrik.
Ein Beispiel dazu finden Sie HIER oder wenn Sie auf das obige Bild klicken.

 

Folgende Punkte sollten bei der Frage "echt, gefälscht oder verfälscht?" berücksichtigt werden. Dabei ist zwischen Verfälschung und Fälschung zu unterscheiden.

A. DIE VERFÄLSCHUNG VON WIENER PORZELLAN

     1. Echtes Wiener Porzellan, mit authentischem Bindenschild und authentischer Dekoration, wurde später überdekoriert. Dies geschah vor allem bei Wiener Porzellan, das in der Manufaktur selbst nur in Unterglasurblau bemalt worden war. Eine spätere Bemalung in bunten Farben auf der Glasur steigerte offensichtlich den Verkaufswert. Aber natürlich gibt es auch echte Wiener Porzellane, die Auf- und Unterglasurdekore kombinieren.

     2. Undekoriertes, echtes Wiener Porzellan mit dem echten Bindenschild wurde nachträglich bemalt – die sogenannte "Weißware" gelangte schon im 18. Jahrhundert (legal oder illegal) aus den Porzellanmanufakturen in die Hände von Hausmalern; Lotterien, Lizitationen führten immer wieder weiße oder nur einfach bemalte Ware. Bei der Auflösung der Wiener Porzellanmanufaktur wurden die "weißen Vorräte" vom Handel bzw. von der Porzellanmalerindustrie erworben und später bemalt. Diese späteren Bemalungen sind deshalb sehr schwer als solche nachweisbar, da ja das Porzellan selbst authentisch ist. Nahezu unmöglich wird eine genaue Beurteilung dann, wenn ein Porzellanmaler der Wiener Manufaktur echtes Porzellan nach Auflösung der Manufaktur bemalte.

     3. Verfälschung von Wiener Porzellan kann auch durch unsachgemäße Restaurierung erfolgen. Retuschen überdecken manchmal große Teile der ursprünglichen Porzellanoberfläche, manchmal sogar Fabriksmarken und andere Kennzeichen

B. DIE FÄLSCHUNG DES WIENER BINDENSCHILDES

1. Viele Porzellanmanufakturen versahen ihre eigene Produktion mit dem blauen oder dem farblos gestempelten Bindenschild. Das weiße, glasierte, solcherart gemarkte Porzellan wurde dann

    a) entweder in diesen Fabriken selbst noch dekoriert oder

    b) weiterverkauft, um von Porzellanmalern oder Ateliers für Porzellanmalerei dekoriert zu werden. Die   Porzellanmaler-Industrie des 19. Jahrhunderts hatte einen großen Bedarf an Weißware und war damit ein nicht unwichtiger Kunde der porzellanerzeugenden Fabriken. Von diesen wurde die Weißware auf Wunsch sogar mit der verlangten Marke, dem Bindenschild, versehen.

2. Der gefälschte Wiener Bindenschild wurde aber sehr häufig auch noch nachträglich auf zahlreiche Porzellane angebracht. Die eventuell vorhandene Originalmarke der porzellanerzeugenden Fabrik mußte dann notgedrungen zum Verschwinden gebracht werden. Dies erreichte man

    a) entweder durch Übermalen mit opaker, deckender Farbe oder durch Aufbringen einer Metallfarbe (besonders gut deckend und daher häufig verwendet: Gold). Der Sammler hat dabei noch immer die Möglichkeit, bei sehr starkem Durchlicht die Originalmarke zu erkennen. Der Fälscher zeichnete den Bindenschild entweder auf die deckende Farbe selbst oder neben die überdeckte Stelle.

    b) oder durch Ausschleifen der ursprünglichen Marke. Der gefälschte Bindenschild wurde dann auf die solcherart ausgeschliffene Stelle gemalt oder anderswo angebracht. Manche Fälscherfabriken versahen ihre Porzellane gleichzeitig mit dem gefälschten Wiener Bindenschild in Unterglasurblau und mit ihrer eigenen Marke; Betrüger mußten daher nur mehr die "störende" Marke entfernen.

    c) Schleifstellen sind jedoch mit doppelter Vorsicht zu beurteilen; kleinere Brandfehler wurden natürlich auch in der Wiener Porzellanmanufaktur selbst durch Schleifen entfernt, ebenso Stützvorrichtungen, um das Einsinken der Masse beim Brennen zu verhindern.

C. WIENER PORZELLAN IST GEFÄLSCHT, WENN

    a) der Bindenschild blau auf die Glasur gemalt wurde. Beim echten Wiener Porzellan gibt es den blauen Bindenschild nur unter der Glasur bzw. auf den unglasierten Scherben gemalt. Im letzteren Fall kann man aber auch nicht von einer auf- oder unterglasurblauen Marke sprechen.

    b) der Bindenschild in Farbe gestempelt ist. Der von der Wiener Manufaktur gestempelte Bindenschild entstand durch einen farblos in die Masse gepreßten Blindstempel (in der Frühzeit der Manufaktur und später dann ab 1827). Der farbige Bindenschild der Manufaktur – ob nun in Blau unter der Glasur oder wie in der Frühzeit in Rot, Gold, Purpur oder Schwarz auf der Glasur – wurde ausnahmslos mit der Hand aufgemalt und ist daher mehr oder weniger unregelmäßig.

    c) der Bindenschild mittels Umdruck oder Abziehbild aufgebracht wurde. Erkennungsmerkmal ist wieder eine auffallende Regelmäßigkeit wie beim Farbstempel; auch die mit der Lupe erkennbare Drucktechnik ist ein Anhaltspunkt.

    d) wenn aufgemalte oder eingepreßte Zahlen mehr als dreistellig sind. Auf Wiener Porzellan gibt es nur Zahlen, die maximal aus drei Ziffern bestehen. Die Jahresstempel gehen von 84 bis 99, von 800 bis 865 oder 866 (die Auflösung der Manufaktur wurde zwar 1864 beschlossen, doch wurde die Produktion nicht sofort gänzlich eingestellt). Bekannt sind bisher Buntmalernummern von 1 bis 155, Blaumalernummern von 1 bis 27, Weißdrehernummern von 1 bis 60.

    e) aus d) geht hervor, daß gestempelte Nummern von 61 bis 83 als Mitarbeiterkennzeichen auf Wiener Porzellan nicht existieren (die Blindstempel der Weißdrehernummern gibt es von 1 bis 60, die gestempelten Jahreszahlen erst ab 84). Formnummern als Blindstempel wurden bisher ebenfalls bekannt, vor allem auf Tassen (z. B. 135 oder 338, wohl meist dreistellig). Darauf gehe ich in meiner Publikation über die Biedermeier-Porzellane ein (S. 16).

    f) Ikonographisch können Fälschungen dann als solche erkennt werden, wenn z. B. auf angeblichem Wiener Porzellan Porträts erscheinen, die erst nach 1865 zu datieren sind.

    g) Stilmerkmale als Kriterien zur Fälschungserkennung sind manchmal sehr ergiebig, andererseits aber ist die Beweisführung einer Fälschung oft nicht einfach. Fälscherfirmen kennzeichneten nämlich meist ihre eigene Produktion, die mit Wiener Porzellan stilistisch nicht das Geringste zu tun hatte, mit dem gefälschten Wiener Bindenschild. Wir können hier den nur bedingt zulässigen Negativbeweis anführen, daß es bestimmte figurale Modelle, Dekore, Farben usw. in der Wiener Manufaktur nie gegeben hat.

    h) rein technische Kriterien sind ebenfalls mit Vorsicht heranzuziehen. Umdruckverfahren und Photographie auf Porzellan waren der Wiener Manufaktur bereits bekannt, allerdings nicht in jenem Umfang, in dem die Großindustrie der Abziehbilder im späteren 19. und 20. Jahrhundert die keramische Dekoration bestimmte. Charakteristisch für Wiener-Porzellan-Fälschungen sind ferner reiche, gestempelte Golddekorationen, die nur oberflächlich den kostbare Reliefgolddekor der Sorgenthal-Zeit vortäuschen können. Brandrisse, Glasurfehler, stehengebliebene Formnähte, rauhe Stellen von Brandstützen usw. können sowohl bei echtem als auch bei gefälschtem Porzellan vorkommen. Als Fälschungskriterium ist allerdings manchmal das "Wie", die besondere Art und Weise des Auftretens solcher Fehler, zu beurteilen. In ihrem charakteristischen Erscheinungsbild sind sogar technische Mängel manchmal manufakturspezifisch.

UNTER DER BEZEICHNUNG "WIENER PORZELLAN" WERDEN VOR ALLEM IM INTERNET DIE MERKWÜRDIGSTEN OBJEKTE ANGEBOTEN. ICH KONNTE DORT ALLERDINGS AUCH SCHON EINIGES ERWERBEN, WAS ALS WIENER PORZELLAN NICHT ERKANNT WURDE. ALSO SOLLTE DIE SAMMELGEMEINDE VON WIENER PORZELLAN DIE HOFFNUNG NICHT AUFGEBEN, MAN KANN IMMER NOCH SCHÖNE STÜCKE FINDEN.